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KI-Use-Cases identifizieren und priorisieren: Leitfaden für die Industrie

vor 7 Stunden
5 Min. Lesezeit

Führungskräfte priorisieren KI-Use-Cases in einer modernen Industriefertigung

Welche KI-Idee verdient Budget und Managementaufmerksamkeit? 


In produzierenden Unternehmen fehlt es selten an Vorschlägen. Die eigentliche Schwierigkeit besteht darin, aus vielen Möglichkeiten ein kleines Portfolio zu bilden, das wirtschaftlich relevant, technisch prüfbar und organisatorisch umsetzbar ist.

Ein belastbarer KI-Use-Case beginnt deshalb nicht mit einem Tool. Er beginnt mit einem konkreten Verlust: zu viel Bestand, lange Angebotszeiten, wiederkehrende Qualitätsabweichungen, ungeplante Stillstände oder aufwendige Informationssuche.

Kernaussage: Priorisiert wird nicht die faszinierendste Technologie, sondern die beste Verbindung aus wirtschaftlicher Wirkung, geeigneten Daten und realistischer Umsetzung.


Warum Tool-Ideen selten zu einem guten KI-Portfolio führen


„Wir brauchen einen Copilot“ oder „Wir sollten Predictive Maintenance machen“ klingt konkret, beschreibt aber noch keinen Use Case. Es fehlen der heutige Verlust, die betroffene Entscheidung, die Zielkennzahl und der Prozess, in dem das Ergebnis genutzt werden soll.


Ein guter Use Case lässt sich in einem Satz formulieren:


Wir wollen [eine klar benannte Entscheidung oder Tätigkeit] mit [geeigneten Daten] verbessern, um [eine messbare Ergebnisgröße] zu verändern.


Beispiel: Statt „KI in der Produktionsplanung“ lautet die Hypothese: „Wir wollen gefährdete Kundenaufträge aus Auftrags-, Material- und Kapazitätsdaten früher erkennen, damit Disponenten rechtzeitig handeln und die Liefertreue steigt.“

Wer konkrete Anwendungen sucht, findet in unserem Überblick 21 KI-Use-Cases für produzierende Unternehmen mit typischen Daten, Kennzahlen und Umsetzungsbedingungen.



Sechs Muster, mit denen Sie KI-Potenziale systematisch erkennen

Eine offene Frage wie „Wo könnten wir KI einsetzen?“ erzeugt meist eine lange Wunschliste. Ergiebiger ist es, Tätigkeiten und Verluste anhand wiederkehrender Muster zu untersuchen.


1. Erkennen und klassifizieren

Bilder, Dokumente oder Signale werden Kategorien zugeordnet. Beispiele sind die visuelle Qualitätsprüfung, Rechnungsanomalien oder die automatische Einordnung von Servicefällen. Der Hebel entsteht dort, wo heute viel geprüft wird oder Fehler hohe Folgekosten verursachen.


2. Prognostizieren

Modelle schätzen Nachfrage, Lieferverzug, Zahlungseingang oder Ausfallrisiken. Entscheidend ist nicht allein die Prognosegüte, sondern welche konkrete Maßnahme durch die frühere Information möglich wird.


3. Planen und optimieren

Optimierung bewertet zulässige Alternativen gegen mehrere Ziele. Typische Felder sind Reihenfolgeplanung, Bestandsparameter, Energieeinsatz oder Ressourcenzuordnung.


4. Inhalte erzeugen und verdichten

Sprachmodelle erstellen Entwürfe, Zusammenfassungen und Abweichungskommentare. Der wirtschaftliche Wert liegt nicht im Text selbst, sondern in kürzerer Bearbeitungszeit und schnellerer Reaktion.


5. Abweichungen und Risiken erkennen

KI kann gefährdete Aufträge, ungewöhnliche Transaktionen oder wiederkehrende Qualitätsmuster markieren. Vor dem Start muss klar sein, wer das Signal prüft und welche Handlung daraus folgt.


6. Entscheidungen vorbereiten

Managementberichte, Ursachenhypothesen oder Wissensassistenten verdichten Informationen. Sie verbessern Entscheidungen nur, wenn Quellen, Unsicherheit und Verantwortung sichtbar bleiben.



So läuft eine belastbare Use-Case-Analyse ab


Schritt 1: Wirtschaftliche Verlustquellen sichtbar machen

Startpunkt sind keine KI-Ideen, sondern messbare Reibungsverluste: Ausschuss, Nacharbeit, Stillstand, Bestand, Wartezeit, Suchaufwand, Preisabweichungen, Überstunden oder vermeidbare Eskalationen.


Schritt 2: Tätigkeiten und Entscheidungen verstehen

Wer erledigt die Arbeit heute? Welche Informationen werden benötigt? Wo entstehen Schleifen? Welche Entscheidung könnte durch bessere Information schneller oder zuverlässiger getroffen werden?


Schritt 3: Datenhypothese formulieren

Daten müssen nicht perfekt oder zentralisiert sein. Sie müssen die relevante Realität ausreichend abbilden. Ein Wissensassistent benötigt freigegebene Dokumente und Zugriffsrechte. Eine Prognose braucht historische Einfluss- und Ergebnisdaten. Computer Vision benötigt repräsentative Bilder unter realen Bedingungen.


Schritt 4: Zielkennzahl und Reaktion definieren

Für jeden Use Case werden Ausgangswert, Zielkennzahl und operative Reaktion festgelegt. Eine bessere Prognose ist wertlos, wenn Planung und Disposition unverändert weiterarbeiten.


Schritt 5: Pilotgrenze und Entscheidungspunkt setzen

Ein guter Pilot ist so klein wie möglich und so real wie nötig. Produktfamilie, Standort, Nutzergruppe, Datenzeitraum und Erfolgsgrenze werden vor dem Start festgelegt. Am Ende steht eine klare Entscheidung: skalieren, nacharbeiten oder stoppen.



Sieben Kriterien zur Priorisierung von KI-Use-Cases


Eine Bewertung von 1 bis 5 schafft Vergleichbarkeit. Sie ersetzt keine Entscheidung, zwingt das Team aber dazu, Annahmen transparent zu machen.


  1. Wirtschaftliches Potenzial: Wie groß ist der heutige Verlust und welche Ergebnisgröße soll sich verändern?


  2. Strategische Relevanz: Unterstützt die Anwendung ein wichtiges Ziel wie Liefertreue, Wachstum, Qualität oder Working Capital?


  3. Datenverfügbarkeit und Datenqualität: Sind die Daten zugänglich, interpretierbar und rechtmäßig nutzbar?


  4. Technische Machbarkeit: Kann die Lösung unter realen Bedingungen zuverlässig arbeiten?


  5. Zeit bis zum messbaren Ergebnis: Wann lässt sich die zentrale Hypothese seriös bewerten?


  6. Organisatorischer Aufwand und Akzeptanz: Welche Rollen, Abläufe und Verantwortlichkeiten verändern sich?


  7. Risiko und Governance: Welche Folgen hätte eine falsche Empfehlung und welche Kontrollen sind notwendig?


Der europäische AI Act folgt einem risikobasierten Ansatz. Je nach Anwendung können Anforderungen an Daten, Dokumentation, Transparenz und menschliche Aufsicht relevant werden. Die Einordnung muss deshalb anwendungsbezogen erfolgen. Europäische Kommission



Aus der Bewertung entsteht ein Portfolio, keine Rangliste


Eine reine Gesamtnote ist gefährlich. Ein hoher wirtschaftlicher Hebel kann mit schlechter Datenlage verbunden sein. Ein schneller Quick Win kann wenig zur Strategie beitragen. Sinnvoller sind drei Entscheidungsfelder:


  • Jetzt pilotieren: relevanter Hebel, prüfbare Datenbasis, verantwortlicher Prozess und beherrschbares Risiko.

  • Strategisch vorbereiten: hoher Nutzen, aber zunächst Daten, Standards, Sensorik oder Governance aufbauen.

  • Zurückstellen: unklarer Verlust, fehlende Reaktion, unverhältnismäßiges Risiko oder ein einfacherer Lösungsweg.



Modellbeispiel: Portfolio eines Industrieunternehmens mit 500 Beschäftigten


Das folgende Beispiel ist fiktiv und kein Kundenprojekt. Das Unternehmen verfügt über ERP, CRM, Produktionsdatenerfassung und Dokumentenmanagement, aber noch über kein unternehmensweites KI-Portfolio.


Jetzt pilotieren:

  • RFQ- und Angebotsassistent für eine klar begrenzte Produktfamilie

  • Managementberichte mit automatisierter Abweichungsvorbereitung

  • Früherkennung gefährdeter Liefertermine im täglichen Eskalationsprozess


Strategisch vorbereiten:

  • Visuelle Qualitätsprüfung, nachdem Fehlerbilder und Aufnahmebedingungen systematisch erfasst wurden

  • Optimierung von Prozessparametern, sobald Material-, Prozess- und Qualitätsdaten verknüpft sind


Zurückstellen:

  • Autonome Produktionssteuerung bei noch instabilen Ziel- und Ausnahmeprozessen

  • Unternehmensweite KI-Agenten mit weitreichenden Systemrechten, solange Berechtigungen und Kontrollmechanismen ungeklärt sind



Wann Sie einen KI-Use-Case noch nicht starten sollten

  • Niemand verantwortet Prozess und wirtschaftliches Ergebnis.

  • Der Ausgangszustand ist nicht messbar.

  • Die erforderlichen Daten sind ungeeignet oder nicht rechtmäßig nutzbar.

  • Es ist nicht definiert, welche Entscheidung auf das Ergebnis folgt.

  • Die Lösung lässt sich nicht in den operativen Ablauf integrieren.

  • Ein einfacherer Workflow oder eine vorhandene Standardfunktion löst das Problem wirtschaftlicher.


Eine Stop-Entscheidung ist kein Scheitern. Sie schützt Kapital und Managementaufmerksamkeit für Anwendungen, die tatsächlich Wirkung entfalten können.



Vom priorisierten Use Case zur Investitionsentscheidung

Nach der Priorisierung folgt die wirtschaftliche Prüfung. Dafür müssen Ausgangsverlust, Nutzenmechanik, Pilotkennzahlen, einmalige Kosten, laufende Kosten und Unsicherheit zusammengeführt werden. Der Beitrag „Vom KI-Use-Case zum belastbaren Business Case“ zeigt die Methodik Schritt für Schritt.



Häufige Fragen


Wie viele KI-Use-Cases sollte ein Unternehmen gleichzeitig pilotieren?

Für den Einstieg ist ein kleines Portfolio sinnvoller als eine breite Pilotwelle. Die Zahl hängt von verfügbaren Verantwortlichen, Datenzugang und Veränderungskapazität ab. Jeder Pilot benötigt eine klare Hypothese und einen festen Entscheidungspunkt.


Braucht ein Unternehmen zuerst eine vollständige KI-Strategie?

Nein. Sorgfältig ausgewählte Piloten können parallel zum Zielbild entstehen. Von Anfang an notwendig sind jedoch klare Verantwortlichkeiten, Schutzregeln und Erfolgskriterien.


Wer sollte die Priorisierung verantworten?

Das Management setzt Ziel und Investitionslogik. Der Fachbereich verantwortet Problem und Wirkung. Die IT bewertet Integration, Betrieb und Schutz. Datenschutz, Informationssicherheit und Mitbestimmung werden je nach Anwendung früh eingebunden.


Fazit: Der richtige Use Case beginnt beim Verlust

Die Qualität eines KI-Portfolios zeigt sich nicht an der Zahl seiner Ideen. Sie zeigt sich daran, ob das Unternehmen relevante Probleme erkennt, Annahmen prüft und konsequent zwischen Pilotieren, Vorbereiten und Stoppen unterscheidet.



KI-Whitepaper herunterladen: Das Whitepaper „KI-Transformation in der Industrie“ verbindet Use-Case-Auswahl mit Organisation, Governance, Qualifikationsmatrix, Kennzahlen und Umsetzungsroadmap. So wird aus einzelnen Piloten eine steuerbare Transformation.


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